|
„Von einer ganz besonderen Wichtigkeit wird das Heranbringen des Künstlerischen an den Menschen für die Behandlung des sprachlichen Elementes. In dem Element des Lautes kann man durchaus überall den Worten noch diese ihre erlebte oder erlebensfähige Bedeutung anhören. In unserem abstrakten Leben ist uns ja das fast ganz verloren gegangen, und wir halten uns einseitig an das Logische, nicht an das Künstlerische der Sprache. Wir müssen wiederum die Möglichkeit gewinnen, uns in die Sprache hinein zu leben, mit den Worten zu leben. Und wir müssen das Kind in das Künstlerische der Sprache einführen.“ Aus: „Die gesunde Entwicklung des Leiblich-Physischen als Grundlage für die Pädagogik“ R. Steiner 1922 Die Kunst der Sprachgestaltung wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch Rudolf Steiner und Marie Steiner-von Sievers auf Grundlage der anthroposophischen Geisteswissenschaft entwickelt. Seit der Gründung der ersten Freien Waldorfschule im Jahre 1919 in Stuttgart wies R. Steiner immer wieder auf die Notwendigkeit einer sprachkünstlerischen Pflege in der Erziehung hin. Viele Sprechübungen wurden aus einer pädagogischen Notwendigkeit heraus entwickelt und den Lehrkräften zum eigenen Üben und zur sprachkünstlerischen Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern an die Hand gegeben. Im Verlauf ihrer zwölfjährigen Waldorfschulzeit sind Waldorfschüler durch alle Jahrgangsstufen hindurch rege künstlerisch sprechend tätig. Ein großer Schatz an Gedichten, Texten und Sprachübungen begleitet ihr Heranwachsen an unserer Schule. Die Schwerpunkte der sprachkünstlerischen Arbeit richten sich nach menschenkundlichen Aspekten der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Klasse 1 – 3 Märchen, Geschichten, Spiele, Sprüche, Legenden, Fabeln,
Tiergeschichten, Gedichte zum Unterrichtsthema und Jahreslauf
Klasse 4 Stabreimdichtung Klasse 5 Hexameter, Weisheiten der großen Kulturepochen Klasse 6 Epik, Dramatik, erste Balladen Klasse 7 Kunstballade Klasse 8 Kunstballade, Theaterprojekt Klasse 9 – 12 Epik, Lyrik, Dramatik, Wiederholung Stabreim, Hexameter Theaterprojekt Die Klassen–und Fachlehrer rezitieren mit den Schülerinnen und Schülern zu Beginn der Unterrichtstunden, überwiegend zu Beginn des Hauptunterrichts, da diese Unterrichtseinheit zeitlich den besten Rahmen bietet. Um die gewählten Texte und Sprachübungen gekonnt an die Kinder und Jugendlichen heranzubringen, haben die Lehrkräfte der Schule die Möglichkeit, Sprachgestaltungsunterricht in der Schule zu nehmen oder sich im Unterricht von der Lehrkraft für Sprachgestaltung unterstützen zu lassen. Kinder mit besonderen Sprachauffälligkeiten können einzeln oder auch in kleinen Gruppen eine besondere Förderung erhalten, in dem sie nach Absprache mit dem Klassenlehrer bei der Sprachgestalterin einen auf sie abgestimmten Unterricht bekommen. Die Sprache ist eine ungeheure, fortwährende Aufforderung zur Höherentwicklung. Die Sprache ist unser Geisterantlitz, das wir wie ein Wanderer in die unabsehbare und
unausdenkbare Landschaft Gott
unablässig weiter hineintragen. Christian Morgenstern Man soll die Worte sprechen, als seien die Himmel geöffnet in ihnen, und als wäre es nicht so, dass du das Wort in deinen Mund nimmst, sondern als gingest du in das Wort ein. Denn wenn einer in das Wort wirklich eingegangen ist, so ist es, als schüfe er Himmel und Erde und alle Welten von neuem.
Chassidischer Zaddik Literaturhinweise: Sprache sprechen – Sprache gestalten Erziehungskunst Sonderheft Januar 2007 Verlag Freies Geistesleben Sprachverfall Erziehungskunst Juli/August 1999 Sprechen und Sprache Rudolf Steiner Themen aus dem Gesamtwerk 2 Verlag Freies Geistesleben 1989 Sprich, dass ich dich sehe Barbara Denjean-von Stryk Verlag Freies Geistesleben 1996 Sprachzerfall und Aggression Rainer Patzlaff Verlag Freies Geistesleben 1994 Methodik und Wesen der Sprachgestaltung Rudolf Steiner u. Marie Steiner-von Sievers Rudolf Steiner Verlag 1990
|