Eine starke Gemeinschaft

„Im Mittelpunkt der Mensch“

Mit der Einschulungsfeier fängt es an: Die Schulgemeinschaft der Waldorfschule Göttingen zeigt sich und heißt die Jüngsten und ihre Familien willkommen. „Das war für mich ein beeindruckendes Erlebnis“, sagt ein Vater mit Kindern in der 1. und 3. Klasse. Inzwischen ist er im Leitungsteam des Eltern-Lehrer-Kreises engagiert, dem monatlichen Forum für den Austausch mit Vertretern aller Gremien. Überhaupt, freiwilliges Engagement wird großgeschrieben, denn es zeichnet eine starke Gemeinschaft aus, sich gemeinsam für eine Sache einzusetzen. „Es ist unsere Schule, es ist ein Teil unseres Lebens, kein Fremdkörper“.

Dies verwundert nicht, denn eine Waldorfschule kann nur dann gegründet werden, wenn sich interessierte Eltern organisieren und dafür einsetzen. Alle Waldorfschulen weltweit sind das Ergebnis eines solchen Engagements. Das führt zu einer starken Community und einer großen Bereitschaft, sich einzubringen. Und so fängt es an: Jeder Erstklässler erhält einen Paten jeweils aus der 5. Klasse, was neben dem „Ankommen“ in der Schulgemeinschaft auch die Selbstverantwortung der Paten stärkt. Typisch für Waldorfschulen ist auch, dass ein Lehrer vom 1. Schuljahr an seine Klassengemeinschaft bis zur 8. Klasse führt. Das prägt den Zusammenhalt und wird beispielsweise verstärkt durch Theaterstücke, die auf die Eigenverantwortung der Schüler bauen, bis hin zum fertigen Bühnenbild. Auch die regelmäßigen Klassenfahrten tragen zu einem guten sozialen Klima bei.
Sich zu zeigen und sein erstes Publikum zu haben, bevor es hinaus in die Welt geht, das ist ebenso eine elementare Erfahrung, die zur Waldorfschule gehört. Jedes Thema hat seinen Platz und findet sein Publikum. Das wohlwollende Interesse der Schulgemeinschaft als Grundlage dafür ist da und das in einem geschützten Rahmen. Das ist etwas ganz anderes für die Schüler, als nur für ein Schulergebnis bzw. eine Benotung zu lernen, die es bis zur 8. Klasse an der Waldorfschule in Göttingen nicht gibt.
Konflikte gehören auch zum Schulleben dazu. Um die Kinder zu stärken, ist ein Konfliktlotsenmodell im Gespräch. Seit kurzem etabliert sich der Vertrauenskreis an der Waldorfschule Göttingen. Hier arbeiten Eltern, Lehrer und ehemalige Lehrer zusammen. Sie lassen sich coachen und weiterbilden, um ihre Fähigkeiten der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen.
Dass sich Eltern so engagieren hängt auch mit einem der Grundgedanken der Waldorfpädagogik zusammen. Diese ist von ihrem Ansatz her bereits gemeinschaftsstärkend und unterscheidet sich damit von anderen bekannten Schulmodellen. Die Kinder stehen dabei im Mittelpunkt und werden aus vielen Perspektiven und Herzen angeschaut, das ist stark. Dies ist mit dem Leitspruch „Im Mittelpunkt der Mensch“ zusammengefasst.
Viele Hände und Köpfe helfen mit, damit einzigartige Begegnungsräume und natürliches Lernen stattfinden können. Dadurch wird der Gemeinschaftssinn spürbar und sichtbar. Ob es im Hauptunterricht in einer „Epoche“, einer intensiven Beschäftigung mit einem Thema über drei bis vier Wochen, vom gesäten Korn bis zum gebackenen Brot geht, ob ein Theaterstück oder Sommerfest geplant ist oder der traditionelle Martinsmarkt: Eltern und Lehrer engagieren sich mit ihrer ganzen Kreativität in einer Vielzahl von Initiativen.
Katharina Wyss

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