Schreiben und Malen mit Sinn

Waldorf will die Individualität der Kinder fördern

In sanften Kreisen und Schwüngen gleiten die Wachsmalblöckchen in den Händen der jungen Waldorfschüler über das Papier. Höchste Konzentration ist im Raum zu spüren. Sie sitzen oder knien auf roten Kissen vor ihren Bänken, die im „bewegten Klassenzimmer“ jetzt ihr Schreibtisch sind. Einige Schuljahre später werden dieselben Kinder in der Lage sein, vielseitige Ornamente zu zeichnen und ganze Schulhefte bis hin zu komplexen Biologiethemen selbständig zu gestalten. Viele Sinne werden dabei trainiert und das ist typisch für alle Waldorfschulen. Formenzeichnen, wie es genannt wird, hat auch etwas mit der Schönheit der Welt zu tun. Die bunten Wachsmalkreiden werden ergriffen, die Formen gefühlt und die Kinder lernen auch auf diese Weise, künstlerisch ihre Welt zu gestalten.

Die Schreibschrift wird zum Politikum
Inzwischen wissen viele Eltern, und nicht nur Hirnforscher, dass Schreiben und Malen die Koordination der rechten und linken Gehirnhälfte und die Geschwindigkeit im Denken fördert und jede Übung zur Feinmotorik der Hände außerordentlich wichtig zur Entwicklung der Kinder ist. Es überrascht nicht, dass in der bundesweiten Bildungsdebatte sich neuerdings alles um die Handschrift dreht, die in der jungen Generation mehr und mehr verloren geht. Dabei ist das Schreiben mit dem Stift oder dem Füller nicht nur Handwerk, es ist zugleich eine Kulturtechnik. Und: Wer das Alphabet beherrscht, begreift die Welt. „Smartphones und Sprachnachrichten bedrohen die Handschrift. Doch die Welt ist besser zu begreifen, wenn man sie sich Strich für Strich erschließt.“ schrieb DIE ZEIT kürzlich im Wissens-Titelthema „Handschrift“ und stellt anschaulich dar, wie wichtig es ist, dass Jugendliche ihre Gedanken schnell und lesbar auf Papier bringen können.
Wer mit der Hand schreibt, scheint auch offenbar Informationen besser zu sortieren. Das belegt ein Experiment zweier Psychologen an der Princeton University. Ihr Fazit ist: Wenn es darum geht, Verständnisfragen und komplexe Zusammenhänge aus Vorlesungen zu erklären, erzielen Studenten aus der Handschriftgruppe gegenüber denen aus der Laptopgruppe bessere Ergebnisse.
Formenzeichnen ist Kunst
Der Blick geht zurück ins Klassenzimmer der Waldorfschule Göttingen. Hier füllen die Kinder weiter in angespannter Aufmerksamkeit die Seiten ihrer Zeichenhefte mit breiten und schmalen Linien, fließenden Formen. Das Formenzeichnen und die Begegnung mit den ersten Buchstaben prägen die Schüler auf dem Weg zur Schreibschrift und damit zur eigenen Handschrift. Damit sich die Handschrift entwickeln kann, braucht es Raum dafür. Die Waldorfschule ist ein solcher Raum.
Formenzeichnen an der Waldorfschule gehört zum Kunstunterricht, der sich von der ersten Klasse bis zum Schulende durchzieht.
Katharina Wyss
Fotos: Katharina Wyss

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