Malen an der Waldorfschule

Das Bedürfnis nach Bildern

Es ist, als ob die Sonne aufgeht. Die Drittklässler werden von ihrer Lehrerin Frau Junghans an der Tür zum Klassenzimmer begrüßt. Eine wärmende Farbharmonie aus Terrakotta und Gelb empfängt die Kinder. Holzbänke sind im Kreis aufgestellt mit Sitzkissen, so dass die Kinder auch sitzend ihrer Bewegungsfreiheit folgen können. Alle Schultaschen sind im Regal untergebracht. So ist die gesamte Fläche des Raumes frei und flexibel nutzbar.
Ich befinde mich mitten im „bewegten Klassenzimmer“ als Gast im Hauptunterricht in der Waldorfschule Göttingen.

Bevor es richtig losgeht, ist noch Zeit für Handarbeiten. Jungs packen ihre Strick- und Häkelsachen aus, einige Mädchen schnitzen noch etwas vom Vortag fertig. So beginnt der heutige Tag mit einem Moment vielfältiger Handarbeiten. Weiter geht es mit dem morgendlichen Begrüßungsritual, gemeinsames Singen und Flöte spielen. Dann ist es soweit und es geht los.
Pinsel, Schwämmchen, Tücher und die Wassergläser werden von den Kindern verteilt. Fast jeder hat eine Aufgabe, so wird das Malen schon in der Vorbereitung zum gemeinschaftlichen Erlebnis. Das nächste Ereignis – die Farben werden vorbereitet. Gelb, rot und blau, jeweils zwei Farbtöne, werden jetzt in kleine Gläschen gefüllt. Frau Junghans hat inzwischen die Malbretter vorbereitet und das Aquarellpapier gewässert.
Zurück an ihrem Platz streichen die Kinder mit einem Schwamm den Bogen glatt, bis kein Fältchen und keine Luftblase mehr zu sehen sind. Ein weißes Stück Stoff zum Drauflegen und Ausstreichen hilft auch. Jetzt hat das Papier genau die richtige Feuchtigkeit.
Die Schöpfungsgeschichte wird heute von Frau Junghans weitererzählt. Dazu sitzt sie mit ihrem Malbrett, Farben und Pinsel auf dem Fußboden, um sie herum alle Kinder. Sie lauschen ihr und beobachten genau, welche Farben sie beim Erzählen aufträgt. Kurz darauf ist das Konzert der Pinsel in den Wassergläsern zu hören. Stille, die Kinder sind hochkonzentriert am Werk. Sie tauchen beim Malen nochmal in die soeben erzählte Geschichte ein. Wenn sie fertig sind, schieben sie ihre Kunstwerke zum Trocknen in ein Regal. Rasch gibt es noch einen Abschlusskreis, denn die erste Pause naht.
Es fasziniert die Lehrerin immer wieder aufs Neue, wie die Kinder zu Schöpfern werden. Der Durst von Kindern nach Bildern ist unersättlich. Dabei haben sie eine tiefgründige Vorliebe für Märchen oder mythische Bilder. Mit ihrem starken Gefühlsleben ist die Beschäftigung mit Pinseln und Kreiden auch ideal, um Emotionen auszuleben und inneren Druck loszuwerden. Kinder haben eine Art Bilddenken, das ungefähr im Alter von sechs bis zehn Jahren seinen Höhepunkt erreicht.
Um dem elementaren kindlichen Bedürfnis voll zu entsprechen, entwickelt sich der Unterricht an der Waldorfschule in den ersten Jahren gemäß solcher Fantasiebilder. Es wird täglich im Hauptunterricht Erzählstoff integriert, der die Seelenstimmung der erreichten Altersstufe charakterisiert: in der 1. Klasse sind es die Märchen, in der 2. Klasse Fabeln und Legenden; erste Teile der Schöpfungsgeschichte folgen in der 3. Klasse. Das intensive Farberlebnis bewirkt im späteren Leben eines sicher: die ganze Welt ist anders für jemanden, der begonnen hat, die stille, ganz unintellektuelle, tief eindringliche Sprache der Farben zu erleben und zu verstehen.
(Mit Textauszügen aus „Erziehung zur Freiheit – Die Pädagogik Rudolf Steiners“ von Frans Carlgren, Arne Klingborg; Eltern-Buchtipp für einen tieferen Einblick in die Waldorfpädagogik)
Katharina Wyss
Fotos: Katharina Wyss

hier der Artikel als pdf-Datei