zum Feldmesspraktikum

Mysteriöses Maßnehmen an Lutters Burg

Aus der Goslarschen Zeitung - Dienstag, 08.09.2020 - Andreas Gereke

Lutter. Mysteriöser Stangenwald im Dorf: Was hat es mit den Vermessungsstangen auf sich, die seit einigen Tagen in mehreren Straßen des Dorfes stehen? Das fragt sich so mancher Bürger. Eine lange Recherche bringt schließlich eine ungeahnte Aufklärung…

Sie stehen in der Seesener Straße, am Bohlweg, in der Straße Hinter der Burg. Doch was wird hier vermessen? Stehen die Arbeiten in Zusammenhang mit der Erneuerung der L500? Denn auch die Ortsdurchfahrt, also unter anderem der Bohlweg, soll saniert werden. Oder gibt es Probleme an der Seesener Straße, die erst im vergangenen Jahr grundhaft ausgebaut worden ist? Oder soll die Rumpelpiste Hinter der Burg asphaltiert werden?

Viele Nachfragen gehen ins Leere. Bei der Samtgemeindeverwaltung weiß man von nichts, teilt Verwaltungschef Bobo Mahns mit. Auch eine Anfrage beim Planungsbüro, das seinerzeit den Ausbau der Seesener Straße betreute, verläuft im Sande. Das Projekt sei abgerechnet und abgeschlossen, das Büro vermesse dort nichts, heißt es. Und auch von der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr gibt es eine negative Auskunft – sie verweist an die Gemeinde. Der Kreis schließt sich. Besonders ungewöhnlich: Die Fluchtstäbe, so die korrekte Bezeichnung, Synonyme sind auch Mire oder Jalon, bleiben die Nacht über stehen.

Immerhin scheinen es junge Menschen zu sein, die den Stangenwald errichtet haben. Zumindest hat dies eine Anwohnerin beobachtet. Und wenig später meldet sie sich erneut. Denn als die Jugendlichen wieder auftauchen, spricht sie sie an – und die Spur führt nach Göttingen: Es sind Schülerinnen und Schüler der Freien Waldorfschule Göttingen, die in Lutter ein sogenanntes Feldmesspraktikum absolvieren.

Spaß und viel Arbeit
„Das Feldmesspraktikum ist ein als Klassenfahrt organisierter Pflichtunterricht, bei dem die zuvor im Mathematikunterricht erlernten Rechenmethoden der Trigonometrie angewendet und vertieft werden“, erzählt Nico Cohrs, Fachlehrer für Mathematik, Physik, Feldmessen und Artistik an der Schule. Unter Feldmessen versteht man dabei die kleinräumige Vermessung einer Landschaft mit anschließendem Zeichnen einer Karte im großen Maßstab (1:1000), so Cohrs. In diesem Fall wird das Areal der Burg vermessen – das erklärt auch die Fluchtstäbe in den Straßen rund um Lutters Wahrzeichen.
„Dieses zehntägige Praktikum macht außer Spaß auch viel Arbeit: Beim Längen- und Winkelmessen muss mit großer Exaktheit vorgegangen werden – auf 100 Metern Strecke ergibt sich bei einem Winkelfehler im Bereich von wenigen hundertstel Grad schon eine Abweichung von drei bis vier Zentimetern“, sagt Cohrs.
„Nach Lutter haben wir übrigens gefunden, weil wir wegen der Schulschließung und damit verbundenen Absage aller Fahrten bis zu den Sommerferien das Praktikum auf nach den Ferien verlegen mussten. Da die ursprünglich gebuchte Unterkunft aber für diesen Zeitraum nicht mehr zur Verfügung stand und wir ein Ziel gesucht haben, das mit dem Fahrrad erreichbar ist, waren wir auf der Suche nach Plan B. Da fielen mir zwei Unterkünfte ein, in denen ich während meines Studiums mit Erstsemester-Gruppen war. Eine davon war das Seminarhaus Burg Lutter, für die wir uns schließlich entschieden haben.“

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